Wenn der Weg zum Ziel wird: 24 Stunden Wanderung in Südtirol

57 Kilometer. 2917 Höhenmeter. 24 Stunden.

Zugegeben, es fällt nicht leicht Freitag um Viertel nach drei das fünf Sterne Hotel in St. Ulrich zu verlassen. Verlockend glitzert der Pool, in der Lobby wird schon wieder leckeres Essen aufgetischt und den Spa-Bereich habe ich bisher auch noch nicht unter die Lupe genommen. Aber schließlich habe ich bereits einen kleinen Rucksack geschultert, meine Füße stecken gut verklebt gegen Blasen in meinen Wanderschuhen und Thaddäus, der Wanderführer des Hotels ruft zum Aufbruch.

24 Stunden liegen zwischen jetzt und unserer Rückkehr. 24 Stunden wandern. Drei Pausen – Abendessen, Frühstück und Mittagessen. Aber soweit kann ich beim Überqueren der Brücke im Dorf noch nicht denken. Meine Gedanken reichen gerade bis hinauf zur Seiser Alm. 700 Höhenmeter geht es hinauf durch den Wald, vorbei beim Haus Pilat, einem der vielen Holzschnitzereien im Grödnertal, immer dem kleinen Waldweg nach. Erste Schweißausbrüche überkommen uns trotz des langsamen Tempos. In meinem Kopf die Stimme eines Freundes: „wennst nicht mehr reden kannst beim Gehen, hast schon verloren. Immer schön langsam gehen, schön langsam“. Gut, langsam also. Zeit haben wir ja genug.

Auf den ersten Metern der Wanderung.
Auf den ersten Metern der Wanderung.
Das Haus Pilat, unsere erste kurze Trinkpause.
Das Haus Pilat, unsere erste kurze Trinkpause.
Eins der vielen Schilder, die uns auf unserer Wanderung den Weg zeigen.
Eins der vielen Schilder, die uns auf unserer Wanderung den Weg zeigen.

Nach einigen hundert Höhenmetern erhaschen wir durch den dichten Wald zum ersten Mal einen Blick auf die beiden Gebirgszüge, die wir heute umwandern werden: den Plattkofel und den Langkofel. Noch haben wir alle nicht realisiert wie weit wir noch gehen werden und wie schwer unsere Füße gegen Ende sich anfühlen werden. Noch lässt sich locker ein Fuß vor den anderen setzten.

Blick auf den Langkofel (links) und Plattkofel (rechts).
Blick auf den Langkofel (links) und Plattkofel (rechts).

Zwei Stunden später befinden wir uns bereits auf der Seiser Alm, das größte Hochplateau Europas hinüber zum Fuße des Schlerns. Auf der Sanon Alm gibt es ein paar Bissen Speck mit Schüttelbrot und tolles gratis Wifi zur kurzen Pause. Dann geht es weiter, stetig Schritt für Schritt hinauf zum Schlernhaus, dem Rifugio Bolzano.

Der Weg ist das Ziel.
Der Weg ist das Ziel.
Der Blick zurück lohnt sich eigentlich immer.
Der Blick zurück lohnt sich eigentlich immer.
Schüttelbrot und Speck, damit kann man mich immer ködern.
Schüttelbrot und Speck, damit kann man mich immer ködern.

 

Atemberaubender Blick zurück auf die wunderschöne Seiser Alm.
Atemberaubender Blick zurück auf die wunderschöne Seiser Alm.

 

Der Mighty Schlern, Wahrzeichen der Region.
Der Mighty Schlern, Wahrzeichen der Region.
Der Puez Gipfel im Spiegelbild eines kleinen Bergsees.
Der Puez Gipfel (Schlern) im Spiegelbild eines kleinen Bergsees.
Finster war's, der Mond schien helle.
Finster war’s, der Mond schien helle.

 

Die Rosengarten Gruppe im Abendrot.
Die Rosengarten Gruppe im Abendrot.

Oben am Schlern angekommen, verschwindet die Sonne entgültig hinter den Bergen und mit einem Schlag wird es plötzlich eiskalt an der frischen Luft. Sechs Stunden sind wir nun bereits unterwegs, ein Viertel der Wanderung ist geschafft. Die einbrechende Kälte wirkt wie ein Warnung der Natur, wir sind hier zu Gast und in den Bergen wird es nunmal kalt und unwirtlich in der Nacht. Auch im Juni. 

Die Nachtgäste in der Hütte, die vielmehr einem kleinen Schloss gleicht, haben bereits ihre Hüttenschuhe an und sind am Zähneputzen. Ein wenig neidisch schaue ich ihnen dabei zu und stelle mir vor, wie bequem jetzt wohl so ein kleines, enges Plätzchen im Matratzenlager wäre. Dabei geht es für uns nach dem Abendessen erst richtig los.

Moonrise kingdom.
Moonrise kingdom.

Gestärkt von Minestrone mit Parmesan und Kartoffel-Gröstl, das mich in den nächsten Stunden nach an meine fehlgeratene Essenswahl erinnern wird, ziehen wir um 11 Uhr nachts ins dunkle Gebirge. Der Mond scheint einen Tag vor der Sonnewende, besonders hell und wir brauchen unsere Stirnlampen vorerst nicht. Dann wird der Weg steil. Es geht bergab, bergauf am Felsen entlang des Kamms. Gefühlte 10 Stunden geht es so nun die nächsten 4 Stunden weiter. Immer weiter. Ab und zu müssen wir ein Schneefeld queren, einen größeren Felsen hinab oder hinaufklettern und wichtig: immer die Augen offenhalten.

Eine der Teilnehmerin merkt an, dass Trittsicherheit gar nicht auf dem Programm stand. Stimmt aber nicht, die Worte der Ausschreibung haben sich gut in mein Gedächtnis gebrannt: „Trittsicherheit und sehr gute pyhsische Verfassung.“ An letzterem zweifle ich nun langsam. Vielleicht hätte ich vorgestern Abend doch nicht bis 4 in der Früh feiern sollen? Vielleicht wäre ein durchdachtes Trainingsprogramm doch gut gewesen? Mich beruhigen die Worte eines Teilnehmers, der auch selbst aus Südtirol ist: „Körperlich schaffen wir das alle, die Frage ist nur ob der Kopf mitspielt.“ Gedanklich drücke ich also den Mitspielknopf in meinem Kopf und weiter geht es.

Eines der vielen Schneefelder, die wir in der Nacht überqueren.
Eines der vielen Schneefelder, die wir in der Nacht überqueren.

 

Die Ziegen staunen wohl nicht schlecht über die nächtlichen Besucher.
Die Ziegen staunen wohl nicht schlecht über die nächtlichen Besucher.

Morgens gegen halb 3 kehren wir in die Plattkofel Hütte auf 2300m ein. Die Hüttenwirtin hat uns Tee in der Stube stehen lassen und wir wärmen uns dankbar auf. Einige überkommt nun erst recht die Müdigkeit, andere wachen mit dem immer heller werdenden Himmel nun wieder auf. Niemand von uns weiß so recht wie unsere Körper nun reagieren werden.

Das nächste Ziel heißt Sella Joch und ist mit 1.5 Stunden immer wieder angeschrieben. Die längsten 1.5 Stunden für mich auf dieser Wanderung, den die Zeit will und will nicht vergehen und die Sonne kommt nur sehr langsam uns entgegen. Erstmals frage ich mich was ich hier eigentlich mache und bin selbst überrascht, dass ich mich das nicht bereits früher gefragt habe.
Was zum Teufel mache ich nur hier?

Langsam geht die Sonne auf, der Weg wird heller und die Steine am Weg sind nun wieder gut erkennbar. Ich singe ein wenig vor mich hin und merke wie meine Übernachtigkeit langsam in eine gewisse Grantigkeit umschlägt. Es fühlt sich am wie der Heimweg einer langen Nacht, nur dass mein Bett noch sehr weit entfernt ist und auch erst die Hälfte der Wanderung geschafft ist.

Jakob, der auch dabei ist sagt: „Lea, wenn du jetzt einen Wunsch frei hättet, was würdest du dir wünschen?“  Ich sage: „ein Einhorn“ und denke an ein großes, weiches Bett. Und eine Dusche. Tatsache ist, hier werden keine Wünsche erfüllt. Hier mitten in den Bergen muss man zufrieden sein, mit dem was man bekommt und dem was man selbst mitgebracht hat. Nach 12 Stunden Wanderung ist das ein Schokoriegel und der einzigartige Ausblick auf den Langkofel, der von den ersten Sonnenstrahlen des Tages beleuchtet wird. Wer braucht da schon Einhörer oder gar Betten? 

Beim Sella Joch ist es soweit, der Erste lässt sich vom Taxi abholen. Ein nobles Service für einen durchaus schlauen Mann, er spart sich die nun folgenden Stunden der Schmerzen beim Abstieg. Aber hier geht es schon lange nicht mehr um Vernunft. Nun sind die letzten Stunden vor dem Frühstück angebrochen, die vor-vorletzte Etappe vor dem Ziel. Für uns heißt es hinab über die saftigen Almenwiesen über die „Steinerne Stadt“ bis hin zum Chalet Gérard

Zeit für einen Sockenwechsel.

In dem modernen Haus wartet ein Frühstücksbuffett, ein sauberes Klo und viel kaltes Wasser zum Füße kühlen auf uns.  Riechen können wir uns ohnehin nicht mehr, spätestens nach dieser Etappe stinkt wohl jeder und alles. Anfangs des Wanderung waren wir alle noch Fremde. 18 Stunden später sitzen wir am Frühstückstisch und scherzen wie alte Freunde über Erlebtes und alles was uns die nächsten Stunden noch bevor steht.  

Die nächste Etappe führt zum Mittagessen und bricht gegen 11 an. Wir wandern bergabwärts nach Wolkenstein. Von dort geht es nun zum letzten Mal auf dieser Wanderung bergauf zur Juac Hütte. Ein letzter Kartencheck, ich will nun umso mehr wissen, worauf ich mich einlasse. Die Sonne scheint inzwischen munter vom Himmel und mich überkommt der leicht wahnwitzige Ehrgeiz. Ich lege noch einen Zahn zu und steuere das Ziel Mittagessen an.

Als zweite treffe ich an der Hütte ein und lasse mich in einen Liegestuhl fallen. Nur nicht einschlafen. Die hausgemachte Minz-Holunder-Limonade der Juac Hütte schmeckt unglaublich gut und mein Körper tankt gleich zwei große Gläser davon.

Am Endspurt zur Juac Hütte. Foto: Max/Hotel Adler.
Am Endspurt zur Juac Hütte. Foto: Max/Hotel Adler.

 

Eine verdiente Mittagspause. Foto: Thaddäus/Hotel Adler
Eine verdiente Mittagspause. Foto: Thaddäus/Hotel Adler

Die restlichen Stunden werden wir bergab gehen, ich entschuldige mich vorweg bei meinen Knien und beiße die Zähne zusammen. Durchbeissen im wahrsten Sinne des Wortes. Meine Kniescheiben fühlen sich an, als würden sie gleich explodieren und mein linkes Knie ist leicht geschwollen. Ich schütze mich auf meine Trekkingstöcken soviel wie möglich, dennoch schmerzt jeder Schritt bergab. Der einzige Trost: es geht allen gleich.

Eine halbe Stunde bevor wir wieder am Hotel sind, am Rand eines kleinen Waldstücks, dreht plötzlich das Wetter und es fängt an zu schütten. Nein, auf den zweiten Blick ist klar: das sind tatsächlich Hagelkörner. Wir können es kaum fassen und starren fasziniert und ein wenig bedrückt auf die Stecknadel großen Kugeln, die von unseren Regenjacken abprallen und am Boden liegen bleiben. Wir warten unter einem Baum der Hagelsturm abschwächt und ziehen weiter. 

Immer dem Tal entlang geht es zurück nach St. Ulrich.
Immer dem Tal entlang geht es zurück nach St. Ulrich.
Hagel vor dem Finale.
Hagel vor dem Finale und skeptische Blicke. Foto: Max/Hotel Adler

Man erkennt bereits das warme Salzwasserbecken im Hotelgarten und auch die weißen Liegen im Gras scheinen förmlich nach uns zu rufen. Und dann ist es geschafft. Viertel vor Vier – 24,5 Stunden später – stehen wir wieder in voller Adjustierung in der Hotellobby und prosten uns überglücklich mit Orangensekt zu. Wir haben es geschafft. Waren es wirklich 24 Stunden? Es scheint 

Die nächste Etappe heißt Schlaf, gefolgt von Abendessen, noch mehr Schlaf und einer Sportmassage. Einer herrlichen Sportmassage, die selbst verhärtete Waden wieder auflockert. Auch wenn Giovanni, der Masseur, hier lange rumdrücken muss bis sich irgendwas verändert. Vor der Abreise springen wir nochmals in den warmen Pool und schwimmen eine Runde. Vom Pool aus hat man freie Sicht auf die Berge und ich bin fast versucht noch eine kleine Wanderung vorzuschlagen.

Ein Tag der am Pool beginnt und endet, ist ein guter Tag.
Ein Tag der am Pool beginnt und endet, ist ein guter Tag.

Information zur 24 Stunden Wanderung

Der Trend zu 24 Stunden Wanderungen scheint in den letzten Jahren gewachsen zu sein. Überall tauchen Angebote auf für unterschiedliche Fitnesslevel und Landschaften. Die 24 Stunden Wanderung des Hotel Adler ist für 6-20 Personen ausgelegt in Begleitung von zwei fachkundigen und sympathischen (sehr wichtig bei solchen Aktionen!) Wanderführern, Thaddäus und Pauli. Es handelt sich nicht um eine Massentour, es sind wirklich 24 Stunden und es handelt sich teilweise, wie ihr auf den Fotos bereits gesehen habt, um hochalpines Gelände. Meiner Einschätzung nach kann jeder der halbwegs fit ist und die richtige Einstellung hat die Runde schaffen, Knieprobleme und Blasen sind wohl die verhängnisvollsten Probleme. Eine genau Packliste mit Erfahrungswerten findet ihr in Kürze hier am Blog. Die Kosten (um die 500€) inkludieren zwei Nächte im Hotel inkl. Abendessen und Frühstück, sowie dem 3 Uhr Snack, das Essen auf der Wanderung, die geführte Tour und die Sportmassage am Tag danach. Die nächste Tour des Hotels ist im Frühsommer 2014 geplant. 

Unsere Route

Die Stecke wurde mehrmals von den Wanderführern angepasst, schlussendlich sind wir folgende Route gewandert: Haus Adler in St. Ulrich Zentrum – Haus Pilat – Seiser Alm – Sanon Hütte – Schlernhaus – Plattkofel Alm – Haus Gérard – Wolkenstein Ort – Juac Hütte – St. Ulrich.

Offenlegung: Danke für die tolle Einladung zur 24 Stunden Wanderung an das Hotel Adler Dolomiti. Alle Meinungen sind, wie immer, meine eigenen. 

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