Verkehrsbedingte Schwierigkeiten im Nachtbus

An drei Tagen auf der weltweit größten Tourismusmesse, der ITB, in Berlin bin ich sprichwörtlich um die Welt gereist. Termine bei den repräsentativen Ständen von Namibia und den Philippinen, Österreich und den USA haben mir die Reise beschert. Quer durch die 26 Hallen und mehrere Stockwerke bin ich gewandert. In der Hoffnung einige dieser Reisen im kommenden Jahr auch „in Echt“ zu machen und vielleicht sogar die eine oder andere Kooperation abzuschließen.

Irgendwann hab ich dann kurzerhand entschieden die Rückreise mit dem Nachtbus anzutreten. Da die einzigen brauchbaren DB-Zugverbindungen an die 9 Stunden untertags brauchen mit 1-3 Mal umsteigen, erschien mir die direkte Verbindung (22:30-09:50) vernünftig.

Mit 22 bin ich mittels 17 Nachtbusse quer durch Südostasien gereist. Danach habe ich mir geschworen, das nie wieder zu machen. Aber das ist inzwischen nun auch schon länger her und plötzlich fiel mir auch auf, dass ich in Europa noch nie Nachtbus gefahren bin.

No time like the present.

Ich komme also pünktlichst 15 Minuten vor Abfahrt am ZOB, dem Zentralen Busbahnhof in Berlin an. Einmal durch die Menge gedrängelt, checke ich ein, gebe meinen Koffer ab. Im oberen Stockwerk ist noch ein Doppelplatz frei, fein.

Ich mach es mir gemütlich, wechsle die Kontaktlinsen gegen meine Brille und ernte verdutzte Blicke als ich mein Nackenhörnchen aufblase. Gut, die vier Mädels vor mir fahren wohl nur nach Halle (an der Saale) und brauchen so etwas nicht. Außerdem wirken sie wie von Natur aus gut gepolstert.

22:30 (Abfahrtszeit)

Plötzlich geht alles ganz schnell. Draussen schreit ein Mädchen den Busfahrer wütend und verzweifelt an, daneben steht ihr Freund mit einem Snowboard. Die drei verschwinden aus meinem Blickwinkel. Ein paar Sekunden später rollen sie wieder in mein Sichtfeld – der Busfahrer unter dem Typen. Schlägerei vorm Nachtbus, fängt ja gut an.

22:31 „Schlägerei!“ eins der Mädchen aus der Reihe vor mir atment mir in den Nacken als sie über mein Fenster versucht das Geschehen selbst zu beobachten. Ich hasse es, wenn mir Menschen in den Nacken atmen.

22:32 „Eine Frau schlägt man nicht!“ die Mädchen sind sich einig, eine führt das Wort an. Sie hat zwar von allem nichts gesehen, aber schuld ist sicher irgendein Mann.

22:45 „Kann hier jemand Busfahren?“ In den hinteren Reihen wird bereits nach einem Busfahrer gesucht. Irgendwer bietet sich an sein Navi aus dem Koffer zu holen, falls jemand anderer lenkt.

22:45 etwas später. Der Motor wird abgestellt, die Klimaanlage geht aus. Jetzt ist die Nackenatmungsluft gleich überall. Alle warten, zB auf eine Durchsage. Oder eine Rauchpause, die einige hier lautstark aber allgemein in die Menge gesprochen verlangen.

22.54 „Ich hab noch Wasser, falls wer braucht“ ruft jemand von hinten. Gut zu wissen, danke.

22:55 Halle wird verständigt: „Mutti, es dauert länger, ich weiß nicht wann ich nach Hause komm, damit du nicht auf mich wartest“

22:58 Die Deutsche Bahn wäre jetzt gar nicht so schlecht. Glücklicherweise gibts im Fernbus WLAN. Leider aber keine DB-Zugverbindungen heute Abend mehr.

Egal ob Nachtbus oder eine lange Zugfahrt: Reisen macht auch müde.
Egal ob Nachtbus oder eine lange Zugfahrt: Reisen macht auch müde.

23:00 „Gibt’s hier mal ne Info?!“ Nein. Ich blicke aus der anderen Seite aus dem Bus und sehe den gegenüberliegenden Bus, der um 23:15 nach Wien fährt. Wien, wär doch auch schön.

23.03 „Ich schreib ’ne schlechte Bewertung rein!“ eins der Mädchen setzt die Ankündigung auch gleich um. Nochmals, danke WLAN.

Gerüchten nach warten wir auf die Polizei.

23:06 Juhu, der Motor ist wieder an.

23:06 „Wieso steht da vorn jetzt WC in rot?“ „Na weil wer auf Toilette is“ „Ihr müsst entschuldigen Bea is vom Dorf“ Bea daraufhin: „Na in meinem Auto gibt’s ja auch keine Toilette“. Alles klar.

23:10 „Jetzt kommt der, der sich rumgeschlagen hat.“ Bea hats im Blick und schon springen vier übergewichtige Mädels auf und stürzen ans Fenster. Der Bus wankt.

22:11 Vor dem Wien Bus wickelt ein Mann seine Tasche in Frischhaltfolie. Eine ganze Rolle. Vielleicht mag ich doch nicht nach Wien fahren.

23:12 Rauchpause. „Wirklich nur rauchen und wieder rein“ sagt eine Stimme im unteren Stockwerk. Es schwankt wieder, die Reihe vor mir leert sich.

23:18 Alle kehren wieder. Eine Rauchwolke kommt zusätzlich mit rein.

23:19 Die Polizei! Na, wer freut sich noch so darüber die hier zu sehen? Alle. Nur Celine, die neben Bea sitzt, findet:“So ein hässliches Polizeiauto. Wenn ich Polizistin wäre, würde ich mich schämen damit fahren zu müssen.“ und mit einem Nachdruck: „Ost-hässlich!“

23:32 Immer noch kein Motorengeräusch.

23:33 Der Motor geht an.

23:42 Wir fahren los.

Irgendwann später, als ich bereits schlafe, wankt der Bus. Wir sind wohl in Halle.

Nochmal später, irgendwann, irgendwo, es ist dunkel: Klopause für 15 Minuten und 50 Cent. Läuft.

7:20 Wir kommen in München ZOB an. Um 08:40 geht es leider, wobei niemand den Busfahrer so richtig versteht, der nun endlich mit uns spricht aber 8:14 und 8:40 klingen einfach verdammt ähnlich. Ich bleibe einfach sitzen.

7:40 „Hallo, hier Stefan!“

Ein neuer Busfahrer und er entschuldigt sich auch gleich für die Verspätung. Luxus. Unter den Passagieren kommt nochmal die Diskussion auf. Das Pärchen durfte nicht mit weil sie die Bus angehalten hatten, das ist Hausfriedensbruch. Ein Bursche in den Reihen vor mir der mit ihnen befreundet ist sagt leise „Man muss halt auch die andere Seite sehen. Sie haben ein Ticket mit Sperrgepäck gebucht und können nicht mitfahren in Skiurlaub“

Wer jetzt wem glaubt bleibt offen. Überprüfen kann es sowieso niemand von uns.

09:46 Seefeld

„Drei Personen hätten hier in Seefeld aussteigen sollen, eine Person fehlt mir noch. Entweder schläft die noch oder versucht fälschlicherweise nach Innsbruck zu kommen“ Mit diesen Worten rollt der Bus ohne weitere Verzögerungen aus dem Parkplatz und es geht weiter. Stefan mag ich.

Seefeld.
Seefeld. Fast zuhause.

10:19 Innsbruck

Die Nacht hat ein Ende gefunden, Innsbruck, Berge, Stadt, ich bin da. Ich bin müde, aber endlich angekommen. Und im Grunde genommen, ist jetzt, wo die Fahrt vorbei ist, alles nicht mehr schlimm. Ein paar Stunden habe ich auch gut und fest geschlafen, jedenfalls fällt es mir beim Aussteigen schwer so richtig wach zu werden.

Auch mein Handy lasse ich aus dem Flugmodus erwachen.

SMS von letzter Nacht, 23:49

„Information zur Linie N40 in Richtung Innsbruck, Heiligengeiststr.:
Ihr Bus hat verkehrsbedingt ca 1. Stunde Verspätung.
Wir entschuldigen uns für die Unannehmlichkeiten“

 

 

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