Martinswand: Der eiserne Weg nach oben

„Einen schönen Feierabend!“ wünscht mir die Kassiererin im Supermarkt, und schiebt bereits die Waren des nächsten Kunden über das Pult. Eis. Alle kaufen sie Eis. Vor mir, hinter mir. Nur ich nicht. Ich kaufe eine Flasche Isotonic, einen Schoko-Müsliriegel und zwei Äpfel. Ein wenig neidisch schaue ich den Jungs mit der Familienpackung Magnum und einem 6-Pack Bier hinterher. Aber nein, noch ist es nicht Feierabend. Heute geht es noch auf den Berg. Über den Klettersteig, die via ferrata (lat. eisener Weg), zur Kaiser Maximilian Grotte in Tirol. Am liebsten würde ich der Kassiererin sagen: „den wünsch ich mir auch!“ aber lass es dann doch.

Aber noch ist es noch nicht so weit. 5 Kilometer auf dem Rad hab ich bereits hinter mir, von meiner Haustüre hierher. Noch liegen 7 Kilometer vor mir. Und 150 Höhenmeter entlang des mit einem Drahtseil versicherten Klettersteigs zum Ziel. Ein Klettersteig quasi vor meiner Haustüre. Und endlich lerne ich ihn kennen. Es wird wohl ein langer Weg in den Feierabend heute werden.

Die Martinswand. Hier wurde Kaiser Maximilian von einem Engel gerettet. Ein gutes Omen.
Die Martinswand. Hier wurde Kaiser Maximilian von einem Engel gerettet. Ein gutes Omen.

Es ist mein erster Klettersteig der Saison und als wir die Räder am Parkplatz des Klettersteiges verstauen ist vor allem eines klar: es wird ein steiler Aufstieg. Sehr steil. Fast senkrecht geht es zur Höhle hinauf. Besser nochmals die Blase entleeren. Ein paar Fotos machen, den Anfang noch einige Minuten hinauszögern. Und dann doch zum Einstieg hinauf gehen. Rein in den Klettergurt, Klettersteigset anschnallen, Schuhe nach schnüren, einen Bissen essen, einen Schluck trinken. Es hilft nichts, jetzt sind wir da – jetzt geht es los.

Die ersten paar Meter sind ungewohnt aber leicht. Aber dann. Dann geht es gleich mal in ein kurzes C/D Steilstück. Peter, meiner Klettersteig geeichten Begleitung ist das einerlei. Für ihn zählen auf der Piste keine Farben und auch hier wird nicht von Buchstaben gesprochen. Was zählt is der Fels und seine Beschaffenheit. „Steil und etwas speckig“, lautet das Urteil. Ich kletter vor. Ich versuche vorzuklettern. Meistens stehe alle paar Meter ratlos im Felsen und überlege wohin als nächstes steigen. Wäre ich doch noch zumindest einmal in die Kletterhalle gegangen und hätte mir ein paar Tricks zeigen lassen. Und jetzt fängt auch noch mein Fuß an zu zittern. Na toll, wo und wie bitte stell‘ ich das jetzt ab?

Aber glaubt nicht, ich würde hier unvorbereitet einsteigen. Ich denke an das YouTube Video mit der ca 50jährigen Frau am Klettersteig. Wenn die das schafft, pack ich das auch. Ungefähr in diesem Moment klettert ein junger Bursche rechts an mir vorbei – in Sneakern. Klettern, was sag ich da! Er rennt förmlich den Berg empor. Hat der denn keine Angst abzurutschen? Wohl nicht.

Blick nach oben. Das schwierigste Stück steht noch bevor.
Blick nach oben. Das schwierigste Stück steht noch bevor.
Schritt für Schritt werden die Autos unten am Parkplatz immer kleiner.
Schritt für Schritt werden die Autos immer kleiner und die Konzentration größer.

Wir wechseln Position und ab nun kletter ich hinterher. Viel besser. Auch das Gelände wird gefügiger, meine Knie stellen die Zitterzustände langsam wieder ein, ich atme tief durch und stelle mir vor es wären Yoga-Atemübungen. Das soll helfen habe ich mir mal von jemand sagen lassen, der viel klettert. Und tatsächlich, es hilft und die nächsten Meter geht es gut dahin und ich bin vollkommen konzentriert. Es bleibt einfach keine Sekunde im Kopf frei um über etwas anderes nachzudenken. Langsam fasse ich ein wenig Vertrauen in den Felsen und versuche ihn mehr zu spüren.

Und dann passiert es doch. Ich stehe mit gespreizten Beinen in einer Rinne und greife hoch nach oben zum Seil um mich auf die nächste Stufe zu ziehen. Ich greife ins Leere. Ein Bruchteil von einer Sekunde des Schreckens. Abgefangen durch einen weiteren Versuch – diesmal klammert sich meine Hand fest ans Seil. Puh.

Am Weg nach oben gibt es drei Plattformen. Wir stehen auf der dritten Plattform und ich entdecke, dass mein rechter Mittelfinger komplett aufgeschürft ist. Was mache ich gebürtiges Stadtkind eigentlich hier? Ein Blick in die Ferne und ich weiß es wieder. Mein Ehrgeiz kehrt zurück und ich wie ich weiter klettere bemerke plötzlich, dass es mir Spaß macht. Ich bin langsam und überlege viel wohin ich steigen soll. Es ist wie harte Nüsse im Kopf lösen. Klettertritte finden und wenn sie funktionieren, löst man das nächste Rätsel.

Das letzte Stück ist Steil und sehr ausgesetzt. Eine knifflige Situation mit einer Klammer löse ich elegant indem ich mich einfach mal für einige Sekunden darauf setze. Wohl keine angesehene Klettertechnik, aber nun von mir erprobt und für äußerst funktional befunden. Ein letztes Stück noch. Die Kraft in meinen Armen lässt spürbar nach und ich hoffe inständig, dass wir den Klettersteig nicht wieder hinabsteigen müssen, sondern oben den Wanderweg hinunter gehen können. Es erfordert Mut nur gegen den Fels zu treten und am Seil senkrecht bergauf zugehen. Der Fels ist immer wieder rutschig und mein Vertrauen nicht sehr groß. Aber irgendwie schaffe ich es doch und auch die letzte Schlüsselstelle ist irgendwann überwunden. „Die Eintrittskarte zur Grotte, jetzt hasch es g’schafft“ sagt Peter. „Eine verdammt teure Karte“ fällt mir dazu nur ein. Aber irgendwie bin ich froh sie nun in der Tasche zu haben und lächle am letzten Abschnitt brav in die Kamera. Die Kamera! Zwei Stück davon habe ich im Rucksack, aber vor lauter Konzentration keine einzige bisher ausgepackt. Vielleicht besser so.

Smile for the camera and pull for you life.
Lächeln für die Kamera. Geht klar.
Die Grotte. Ein schönes Ziel.
Die Kaiser Maximilian Grotte. Ein schönes Ziel.
Blick in den Westen.
Blick in den Westen ins Inntal.

Es ist geschafft. High five, fallen lassen und Nachrichten am iPhone checken. Apfel essen, andere Kletterer ausfragen über andere Klettersteige und den Ausblick genießen. Die simplen Dinge am Klettersteig. Einer der Kletterer versichert mir auf meine Frage hin, dass die Zugspitze ein weitaus leichterer Steig ist. „Wennst das schaffst, schaffst den locker“. Da bin ich aber beruhigt, denn der steht für August auf meinem Programm.

Der Abstieg führt über einen Steinbruch, wo wir einige Gämsen erspähen. Eine kleine Detour, aber alles besser als am Seil hinabsteigen in meinen Augen. Und dann geht’s wieder aufs Rad, raus aus den Wanderschuhen, rein in die Flip Flops und zurück nach Innsbruck. Vorbei am FKK Badestrand unten am Inn, über kleine Radwege, an deren Rand die ersten Sträucher blühen und zurück ins Stadtgebiet. Die Sonne geht bereits unter, der Patscherkofel (einer der Innsbrucker Hausberge) wird noch fleckenweise von der Abendsonne beleuchtet und nun ist er auch für mich da, der Feierabend.

Und zurück in die Stadt.
Feierabend.
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