Kurz vorm Gipfel.

Großvenediger: Gletschertour im Nationalpark Hohe Tauern

Mein Blick haftet fest am Seil das stetig vor mir eine Spur durch den Schnee bergauf zieht. Schritt für Schritt stapfe ich durch knöchelhohen Schnee. Manchmal breche ich trotz gut angefrorener Spur ein. Dann stehe ich bis zum Knie im Schnee und weiß der nächste Schritt wird anstrengender als die davor. Ab und zu richte ich meinen Blick auf und blicke auf die weiße Fläche, die nur von einigen Spalten und Felsen unterbrochen wird. Über mir kreischt ein Vogel. Wären wir jetzt im Fernsehen würde eine Stimme aus dem Off ertönen und das Publikum mit der Szenerie bekannt machen.

„Der Großvendiger im Nationalpark Hohe Tauern ist einer der höchsten Berge Österreichs. Seine vergletscherte Gipfel an der Grenze von Osttirol zu Salzburg hat seit jeher die Menschen fasziniert. Was heute mit einem Bergführer in einer Seilschaft in einigen Stunden machbar ist,  war für Erzherzog Johann im Jahre 1828 noch undenkbar…“ (klassische Musik zur Untermalung)

268 Dreitausender liegen in Osttirol und es wäre eine Schande zwei Wochen in Osttirol zu verbringen, ohne einen von ihnen zu besteigen. Trotz schwierigen Wetterkonditionen fahren wir an einem Sonntag Ende August mit dem Taxishuttle bequem zur Johannishütte hinauf. Auf ins Abenteuer Berg!

Die Johannishütte am Fuße des Großvenedigers.
Die Johannishütte am Fuße des Großvenedigers. 
Der Großvenediger durchs neue Lieblingsfernglas, den CL Companion!
Der Großvenediger durchs neue Lieblingsfernglas, den CL Companion!
Der Hirte Nils weiß einiges zu erzählen.
Der Hirte Nils weiß einiges zu erzählen und hat eine richtig tolle Jacke!

Die Johannishütte ist eine der ältesten Hütten in der Region und wurde nach Erzherzog Johann benannt, den der Großvenediger mit seiner Gefolgschaft abgeworfen hatte. Erst dreizehn Jahre später, am 13. September 1841, gelang es einer Expedition von etwa 40 Mann unter der Leitung von Ignaz von Kürsinger den Gipfel zu erklimmen. Wer heute am Gipfelgrat entlang geht, dick eingepackt in Daune, Regenjacke, Merino, Softshell und alle Funktionsschichten der Wunderwelt Outdoor-Ausstattung kann sich kaum vorstellen, dass das damals möglich war.

Die Hütte wurde immer wieder neu renoviert und ist bestens ausgestattet. Zum Abendessen gibt es Milzschnittensuppe, Pommes mit Spieß und eine Orangencreme als Nachspeise. Und einen Schnaps, weil der muss sein. Und. wer weiß, vielleicht hilft er ja – ebenso wie das Glas köstlichen Rotwein – beim kurzen Schlaf, der vor dem Anstieg in aller Früh bevorsteht. 

Trotz besten Voraussetzungen – einer ganzen Matratze in einem geheizten Schlafraum mit nur zwei Schnarchern, schlafe ich mieserabel und schaue fast stündlich auf die Uhr. Halb 1, 2, viertel vor 3, halb 4. Um vier Uhr wollen wir aufstehen also krieche ich etwas früher aus dem Bett und packe meine wenigen Sachen zusammen.

Das Frühstück steht bereits in der Stube bereit. Den Tee füllen wir in die Flaschen um und nehmen ihn mit. Bergführer Roland checkt nochmal alles und dann geht es los im langsamen Schritt zur ersten Zwischenstation, dem Defreggerhaus auf fast 3000m.

Aufstieg in den frühen Morgenstunden.
Aufstieg in den frühen Morgenstunden.
Langsam geht die Sonne über den Gipfeln auf.
Langsam geht die Sonne über den Gipfeln auf.
Erste Rast beim Defregger Haus.
Erste Rast beim Defregger Haus. Was für ein Ausblick! 
Ein Blick zurück aufs Defregger Haus.
Ein Blick zurück aufs Defregger Haus. 
Die letzten Meter über Felsen, dann warten der Schnee und das Eis.
Die letzten Meter über Felsen, dann warten der Schnee und das Eis.

Jede Minute wird es draußen heller und es zeichnet sich ein schöner Tag am Horizont ab. Bis zum Sonnenschein geraten wir noch in etwas Nebel, den wir beim Defreggerhaus dann aber endgültig hinter uns lassen. Nach einem wärmenden Tee geht es hinauf zum Einstieg in den Gletscher. Ab hier gehen wir am Seil, Roland vorne weg, ich hinterher.

Bei der ersten kleinen Spalte bleibe ich etwas unschlüssig stehen. Und jetzt? Springen oder besser sachte steigen? Hauptsache schnell damit ich die heikle Stelle hinter mir lassen kann. Rund drei Stunden dauert der Anstieg vom Defreggerhaus bis zum Gipfel und nach einiger Zeit im Schnee machen sich auch die Höhenmeter bemerkbar. Alles wir etwas anstrengender, die Balisto-Pausen werden häufiger.

Vor uns gehen drei Seilschaften, hinter uns kommen auch noch welche. Kurz unterm Gipfelgrat kommt uns die erste Seilschaft entgegen, die den Gipfel bereits erreicht hat. Fröhliche Gesichter. „Gleich habt’s es geschafft!“

Ab 3000m liegt Schnee. Foto: Roland
Ab 3000m liegt Schnee. Foto: Roland 
Jetzt geht es über weiter Schneeflächen immer weiter bergauf.
Jetzt geht es über weiter Schneeflächen immer weiter bergauf.
Das Finale am Gipfelkamm.
Das Finale am Gipfelkamm.
Erst auf den letzten Metern ist das Gipfelkreuz zu erkennen.
Erst auf den letzten Metern ist das Gipfelkreuz zu erkennen.

Und dann stehen wir plötzlich am Gipfelgrat. Rechts und links geht es steil bergab, aber die Spur ist gut und hält auch ohne Steigeisen. Einmal noch kurz bergauf und bergauf und dann, dann stehen wir am Gipfel. Das ist dann doch plötzlich schnell gegangen.

Trotz Sonne bläst ein eisiger Wind und das obligatorische Gipfelfoto muss schnell über die Bühne gehen. Etwas unterhalb ist es windstiller und ich lasse mir alle Berge ringsum erklären. Wer einmal dem Bergsteigen verfallen ist, weiß wie süchtig es machen kann alle Namen zu kennen und sie einordnen zu können. Besonders markant ist der Watzmann im Berchtesgadener Land zu sehen. Aber auch der Großglockner, Österreichs höchster Berg, die Zillertaler Alpen und die Lasörlinggruppe, die bereits beim Anstieg von der Johannishütte weg weiß geleuchtet hat.

Als ich zurück über den Gipfelgrat gehe, fühle ich mir sehr zufrieden. Es gibt soviele Sachen, die man nicht sehr kontrollieren kann im Leben. Dinge, die einem passieren, wenn man den Überblick im Alltag verliert. Beziehungen, die kaputt gehen und andere die wieder aufkeimen. Aber wenn man so hoch oben über den Wolken am Gipfel eines Berges geht, verschwitzt ist und unendlich weit sehen kann, dann kann man gar nichts anderes als pures Glück empfinden. Vielleicht ist das der Grund warum man, wenn man einmal angefangen hat, immer wieder einen Gipfel sucht. Vielleicht ist es aber einfach ein Erfolg, der sofort belohnt wird und die Natur, die einen Kraft gibt, ohne dabei in irgendeiner Weise für Touristen aufbereitet zu sein.

Was für ein Erlebnis! Gipfelfoto.
Was für ein Erlebnis! Gipfelfoto.

Bergab geht es schnell. Durch den Schnee laufen wir fast. Er macht Lust auf Winter und die Vorstellung, dass noch immer Sommer ist erscheint surreal. Gegen Mittag sind wir wieder beim felsigen Abstieg angelangt. Der letzte Teil bergab bis zur Johannishütte zieht sich, die Beine wollen einfach nicht mehr in den harten Schuhen stecken.

Und dann haben sie es geschafft. Die Beine haben es geschafft und ich bin geschafft. An diesem Abend falle ich besonders früh ins Bett und schlafe fast 12 Stunden durch. Es gibt eben nichts besseres als nach einem erlebnisreichen Tag, den man von früh bis spät ausgekostet hat ins Bett zu fallen und sich in Gedanken bereits auf das nächste Abenteuer zu freuen. Der Großglockner vielleicht…

Weitere Infos:

  • Großvenediger (3666m)
  • Anreise: Osttirol – Prägatental – Hinterbichl – von dort mit dem Taxishuttle (12€)
  • Aufstieg: Johannishütte (Übernachtung auf 2121m, sehr empfehlenswert) – Defreggerhaus (ca 2-2.5h, eher spartanisch eingerichtet und etwas kühl)– Großvenediger (ca 3h Gehzeit, nur gesichert am Seil). Eine andere Variante ist der Aufstieg über die Neue Prager Hütte (Lesetipp: Run Travel Grow)
  • Bergführer-Kontakte: www.bergfuehrer.at; Ich war mit Roland Schelodetz aus Virgen unterwegs und würde jederzeit und sehr gerne wieder eine Tour mit ihm machen, kann ihn also nur empfehlen. Kontakt: 0664/1647186 

 

Offenlegung: Danke an die Osttirol Werbung für die Unterstützung!  

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