The Simple Life: Zurück auf die Alm

Erschienen im Fachmagazin „naturbelassen“ der Österreichischen Nationalparks.

Wenn Paris Hilton und Nicole Richie das vermeidliche einfache Leben in einer Reality TV Show suchen, hat das sehr wenig mit dem wirklich einfachem Leben zu tun. Das findet man schon viel eher in den Bergen. Zum Beispiel auf einer kleinen Almhütte, zum Beispiel in Osttirol. Dort wo es keinen Supermarkt, keinen Strom und keinen Handyempfang gibt, müsste das Leben doch einfacher werden. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Burnouts mit Therapien am Bauernhof therapiert werden, Yoga und Afterwork-Drinks für den inneren Ausgleich herhalten und alles, immer und sofort überall hingeschickt werden kann. Es sei denn der Adressat befindet sich nun eben für zwei Wochen im Gschlösstal bei Matrei.

Selbstportrait vor meiner Hütte.
Selbstportrait vor meiner Hütte.

Das Gschlösstal ist keineswegs komplett verlassen. Es ist das erste Tal direkt hinter dem Felbertauern Tunnel und neben den Umbal-Wasserfälle in Prägraten und dem Lucknerhaus beim Großglockner, eine der drei meist besuchten Täler im Osttiroler Teil des Nationalparks Hohe Tauern. Dennoch sind die meisten Besucher sind Durchreisende, Tagesbesucher, die sich am Vormittag in das Tal mit der Pferdekutsche oder dem Shuttle Taxi fahren lassen und Nachmittags wieder rauswandern. Nur wenige bleiben oder gehen gar weiter auf die Badener Hütte oder die Neue Prager Hütte, welche als beliebter Ausgangspunkt für eine Gletschertour auf den Großvenedigers dient, dessen Gletscherböden ab der Mitte des Tals in der Ferne sicherbar sind. Die gewaltige Eismassen, mit tiefen Rissen und Spalten leuchten weiß-grau zwischen dem grünen Tal hervor.

Etwa bei der Hälfte des Wanderwegs zum Talschluss, liegt das Berggasthaus Außergschlöß und einige Almen, von denen eine der Nationalpark Hohe Tauern pachtet. Etwa eine Viertelstunde weiter im Tal tut sich rechts und links vom Gschlößbach eine kleine Ortschaft, das Innergeschlöß, auf. Sie erinnert stark an eine Art Osttiroler Bullerbü. Alle Häuser hier sind traditionell mit Holz gebaut, das Erdgeschoss ist meist der ehemalige Stall, im ersten Stock liegen der Wohn- und Schlafraum. Die Fenster sind im Sommer mit Blumen geschmückt. Von hier ist es noch eine halbe Stunde über eine Ebene bis zum Talschluss, einer der schönsten in Osttirol. Und ganz hinten im Tal – in der Mitte – da entspringt ein Fluss.

In der Mitte fließt der Gschlößbach durchs Tal.
In der Mitte fließt der Gschlößbach durchs Tal.
Innergschlöss.
Innergschlöss.
Am Rande der Kernzone.
Am Rande der Kernzone.

Es ist nicht schwierig sich hier in Filmszenen oder Märchenbücher versetzt zu fühlen. Wenn an Regentagen die Wolken schwer über den Kämmen der Berge hängen und selbst der Bartgeier sich nicht blicken lässt, hält das Tal märchenhafte Plätze bereit. Bob Ross wäre begeistert: ein Fluss in der Mitte, rechts und links ein wenig Wald, bis zur Baumgrenze, die nur etwa 50m weiter oben liegt. Das Moos ist dunkelgrün, hie und da blitzen die niedrigen Sträucher der Heidelbeeren und Preisebeeren hervor, die Ende August nun reif sind und geerntet werden wollen. Ebenso wie die Himbeeren, die sich besonders gerne am Flussufer ansiedeln. Die Weideflächen hingegen werden von den Kühen beschlagnahmt. Und den Ziegen. Sie ziehen hier den ganzen Tag auf und ab und lassen es sich gut gehen. Die frische Milch kann man direkt beim Hirten beim Aussergeschlöß kaufen. Im Innergschlöss gibt es abends ab halb 8 auch Frischkäse zu erstehen im Stall. Wer gut wirtschaftet überlebt so lange Zeit alleine auf der Hütte, auch ohne Supermarkt oder Pizza-Lieferservice.

Die meisten Wanderer spazieren entlang der Forststrasse ins Tal, wo sich auch die Felsenkapelle befindet. Nachdem die Kirche, die zuvor im Tal stand zweimal von Lawinen zerstört worden war, hatte man diese imposante Steinkapelle erbaut. Im Jahr 1870 war der Erzpriester der Region Gmünd/Liesertal jedoch eigentlich gegen den Wiederaufbau gewesen, weil seiner Ansicht nach die Kirche unter dem Vorwand des Gottesdienstes, als heimlicher nächtlicher Treffpunkt missbraucht wurde. Die Anzahl der ehelosen Kinder im Tal war stetig gestiegen, sie in einem kleinem Heft in der Kapelle nachzulesen ist. Doch die Gschlößer ließen sich nicht abhalten und fanden die Lösung für eine neue Kirche in dem markanten Felsen am Wegrand. Sie vergrößerten die natürliche Höhle im Felsen zu einer kleinen Kapelle. Ab und zu wird hier auch gesungen, als Besucher ist man dann herzlich willkommen zu lauschen.

Wer sich im Gschlößtal selbst ein Bild davon machen möchte, sollte einplanen sich ab dem Hügel beim Berggasthof Außergschlöß von der Außenwelt zu verabschieden. Ab hier gibt es kaum mehr Empfang, von Internet ganz zu schweigen. Und genau unter diesem Hügel endet die weltweite Welt, die Angebundenheit, der Strom und das Warmwasser. Wer hier in der Hütte des Nationalparks haust, forscht vermutlich. Neugierig fragt man sich im Tal wonach das Mädchen denn forscht, das Mutterseelen alleine jetzt zwei Wochen hier verbringen will.

Nun denn, sie forscht in erster Linie recht wenig und holt erstmals sehr viele Erfahrungswerte ein. Vielmehr „er“-forscht sie die Umgebung, lauscht den Nachbarn, den Regentropfen, dem Knacksen der Holzscheiter im Ofen, dem Pätschern des Wassers über dem Kübel im Wassertrog, der als Kühlschrank dient. Sie beobachtet die Kreuzspinne, wie sie ihr Netz am Balkon spannt und die Kühe, wenn sie morgens um halb 7 einen Abstecher am Weg auf die Weide runter zum kleinen Teich des Nachbarn wagen. Dort wachsen wohl die besten Gräser. Nur die mutigen trauen sich dorthin, denn bald kommt der Hirte und scheucht sie wieder zurück auf den richtigen Weg. Sie beobachtet auch die vielen Menschen, die immer an der gleichen Stelle stehen bleiben und den kleinen Teich bestaunen, über den eine Seilbahn Erde transportiert, wenn die Enkelkinder auf Besuch zum Spielen sind.

Den Alltag auf der Alm bestimmen die Grundbedürfnisse. Zuerst die der Tiere, wer keine hat, hat aber trotzdem alle Hände voll zu tun seine eigenen zu befriedigen. Denn Kopf und Körper passen sich nach und nach an. An den Tagesrhythmus zum Beispiel. Wird es hell, wacht man auf. Es ist kalt und man heizt ein. Der Tag kann beginnen. Wird es dunkel, wird man müde, heizt ein, wärmt sich und leibt sich und liest dann vielleicht noch ein Buch im Lichte der surrenden Gaslampe. Kein allzu großes Vergnügen, also lasst man es dann doch sein und schläft einfach.

Wasserspeicher und Kühlschrank zugleich.
Wasserspeicher und Kühlschrank zugleich.
Eiernockerl ala casa.
Eiernockerl ala casa.
Mein ein und alles für zwei Wochen.
Mein ein und alles für zwei Wochen.
Frisches Brot mit Dattel.
Frisches Brot mit Dattel.
Apfeltasche aus dem Ofen.
Apfeltasche aus dem Ofen.

Hunger ist eines der anstrengendsten Grundbedürfnisse. Er erfordert Feuer machen und Wasser kochen, Lebensmittel aus dem provisorischem Kühlschrank holen oder gar im Tal selbst pflücken gehen. Das Feuer wärmt die Stube und den Schlafraum, also brennt es morgens und abends. Um das Feuer zu machen muss das Holz geholt werden, zuvor muss es zerkleinert, gehackt und passend gemacht werden. Zum Anzünden müssen kleine Hölzer her und was für einen Aufsichtsjäger ein Handgriff ist der wie blind von der Hand geht, ist es für ein Stadtkind ein kleines Meisterwerk der Schnitzkunst. Da kommt man schon mal ins Schwitzen. Dies sollte man aber tunlichst vermeiden – waschen ist kompliziert und ohne Dusche oder Kübel ein Akt der in fester Hand des Waschlappens liegt. Und des warmen – nicht zu heißen und nicht zu kalten – Wassers. Vom Haare waschen ganz zu schweigen.

Das alles macht aber nur sehr wenig, denn hier kommt der Vorteil der Tage alleine auf der Hütte ins Spiel. Der kleine schlecht ausgeleuchtete Spiegel im Vorzimmer lässt einen eigentlich immer gleich ausschauen – egal ob fettige Haare oder nicht, alles verschwimmt hier. Es wird nebensächlich.

Und man hat Zeit. Endlich Zeit. Unendlich viel Zeit sogar. Viel zu viel Zeit um Nachzudenken. Über sich, das Leben, die Natur und all das was man nicht versteht. Und genau das wollen wir doch alle – Zeit für uns. Wer 24 Stunden am Tag Zeit für sich hat, lernt recht schnell, dass das nicht unbedingt ein Geschenk ist, sondern oft auch eine Bürde sein kann. Und dann ist man wieder dankbar. Dankbar, dass die Blase drückt, der Magen knurrt oder die Füße frieren, weil dann hat man wieder was zu tun. Und plötzlich, während man in einem Arm fünf große Holzscheiter balanciert und mit dem anderem die Tür öffnet, wird es alles eine Spur klarer.

The simple life. Ganz so einfach, ist das eben auch nicht.

Hüttenleben - Cabin Love

 

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4 Comments

  • Sehr schön ge- und beschrieben. Ich kenne das Gefühl, dass mensch auf einmal soviel Zeit hat, aber dann stets immer was zu tun hat. Und das was man dann tut fühlt sich so echt an, als ob es das Natürlichste der Welt wäre. So grundehrlich und bodenständig, dass man mit beiden Beinen fest am Boden steht und nicht ins Wanken gerät.
    Übrigens: super Seite. :)

  • Hallo Lea,
    toller Artikel! Einfach mal Abstand vom hektischen Alltag zu haben, keine Ablenkungen durch Fernseher & Internet und einfach mal Zeit mit sich selbst verbringen…. Sicherlich eine spannende Erfahrung, aber wie du ja auch schreibst, auch eine Herausforderung. Wenn ich überlege, wie viel bzw. wenig Zeit ich mal nur allein, ohne etwas zu tun verbringe, erscheint ein ganzer Tag im Vergleich plötzlich endlos…
    Vielleicht sollte ich mir auch mal so eine Auszeit nehmen. Wie hast du diese Hütte denn gefunden?

    Die Apfeltasche sieht übrigens, genau wie der Rest, superlecker aus :-)

    Liebe Grüße
    Julia

    • Hallo Julia,

      danke, das freut mich zu lesen! Die Hütte habe ich zum Zuge eines Literaturstipendiums „zugeteilt“ bekommen – also hat im Grunde genommen sie mich gefunden! :-)

      LG,
      Lea

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