Nicosia, eine geteilte Stadt mit gemischten Gefühlen

Es wird dunkel im zypriotischen Teil der Stadt. Die Strassenlaternen leuchten bereits als ich meinen Pass aus der Tasche ziehe und ihn am Ende der schmalen Strasse, die zu einem Grenzübergang mitten in Nicosia führt, vorweise. Ein paar Schritte weiter leuchten die Laternen nicht. Ich hab ein anderes Land betreten, hier schaltet jemand anderer das Licht ein. Oder aus. Dabei sind es nur wenige Meter die den Süden vom Norden trennen.

Die Laternen leuchten den Weg zur Grenze, weiter gehen sie nicht.
Die Laternen leuchten den Weg zur Grenze, weiter gehen sie nicht.

Ein paar Schritte nach der Grenze ist auf den ersten Blick noch alles gleich. Links geht eine Gasse entlang der Grenze mit diversen Warnschildern und Verbarrikatierungen weg. Fotografieren ist hier verboten. Ins Grenzgebiet selbst kann man auch nicht, dabei schauen die Häuser mit ihren hölzernen Fensterläden besonders einladend aus. Ich frage mich was in diesen Häusern seit Jahren unberührt geblieben ist.

„No photo, Miss!“

Ich werde zurückgewiesen als ich meine Kamera auf ein besonders schönes, verfallenes Haus richte. Ich nicke und trete einen Schritt zurück. „Miauuu“ jault es hinter mir. Eine magere, graue Katze mit einer verklebten Blutkruste am Rücken schaut mich klagend an. Ich entschuldige mich bei ihr, angreifen möchte ich sie trotzdem nicht. Sie scheint mir zu verzeihen und begleitet mich die ersten Meter in den türkischen Teil der Stadt.

Reges Treiben am Grenzübergang.
Reges Treiben am Grenzübergang.
Nicosia - Lefkosia.
Nicosia – Lefkosia.

Ich komme mir vor wie am Bazaar. Gefälschte Markenware wohin das Auge reicht. Adidas Jogginghosen, Nike Jacken, Gucci Taschen, kein einziger vernünftiger Shop, keine einzige Kette hat hier eine Filiale. Nur weniger Meter entfernt auf der anderen Seite der Grenze verkauft Pull & Bear, Topshop oder Bershka seine Waren. Die gesamte Stadt ist stark britisch geprägt, es gibt Flurry Twirls im Supermarkt und auch Frozen Yoghurt hat hier Einzug gehalten. So erfolgreich offenbar, dass es an jeder Strassenecke der Ledra Strasse, der Haupteinkaufstrasse, jemanden gibt der das beste Frozen Yogurt der Stadt anpreist. Hierzulande darf man sich das Eis sogar selbst zusammenstellen. Man drückt es selbst aus dem Automaten, sucht sich beliebig viele Toppings aus und zahlt am Ende nach Gewicht.

Endlich stehe ich vor einem kleinen Supermarkt, der mich sehr an die kleinen Läden in Floridsdorf in Wien erinnert. Hier gibt es türkische Delikatessen und auch die Touristen schlagen bei Gewürzmischungen und Turkish Delight kräftig zu. Alles ist es unordentlich und die Luft steht. Hinter der Kassa sitzt auf einem Drehstuhl ein türkisch stämmiger Mann der mit dem Handy telefoniert. Sein Englisch ist genau so gut wie das der Zyprioten auf der anderen Seite und das verwendete Vokabular lässt auf einen gebildeten Mann schließen. Wie er wohl hier in diesem kleinen Supermarkt an der Kasse gelandet ist?

Ich spaziere noch ein bisschen weiter durch die Strassen und folge dem „Walking Path“ der am Boden mit Einlassungen markiert ist. Wenig später stehe ich vor einem großen Gebäude und einer Tafel: „Nicosia Walled City, Walking Route Map“. Es ist wie als befände ich mich auf einem Pfad der Artenvielfalt. Eine geteilte Stadt als Touristenattraktion? 

Auch im zypriotischen Teil sichtbar.
Auch im zypriotischen Teil sichtbar.
Die Strassen im Norden der Stadt.
Die Strassen im Norden der Stadt.
Reflexionen der Stadt auf der Hinweistafel.
Reflexionen der Stadt auf der Hinweistafel.

Ich wandere auf und ab, und weiß nicht so recht was ich davon halten soll. Aber hier hält mich dann auch nichts mehr. Und so ich gehe wieder zurück in den mir inzwischen etwas vertrauteren zypriotischen Teil. Dort besuche das Museum von Hadjigeorgakis Kornesios, einem Dragomanen, der sich im wohl schönste Haus Nicosias eingerichtet hatte. Ich bestaune wunderschönes Besteck, Holztruhen und bemalte Wände. Es ist wie in Tausendundeiner Nacht.

 

 

 

 

Im Museum Hadjigeorgakis Kornesios.
Im Museum Hadjigeorgakis Kornesios.

Im Museum der Stadt gibt es noch die historische Geschichte auf mehreren Stockwerken zu sehen. Vollgepackt mit Eindrücken habe ich mir nun ein Eis verdient. Ein Frozen Yogurt soll es werden…

Need transport?
Need transport?
Im Museum der Stadt.
Im Museum der Stadt.

Als ich nachhause durch die Altstadt und über den Stadtgraben hinweg gehe wird es immer dunkler. Es gibt zwar Strassenlaternen, aber nicht alle leuchten sie. Plötzlich erinnert mich Nicosia an Mandalay in Burma vor 4 Jahren, dort gab es nächtens überhaupt nur das Licht von vorbeifahrenden Autos. Und dann stehe ich plötzlich vor einem Zara und fühle mich wieder wie in London. Es ist ein konstantes Hin und Her der Eindrücke.

Gegenüber erleuchtet die Auslage eines Pop-Up Stores. Leerstehende Shops wurden für ein paar Wochen an Künstler und Jungdesigner vergeben um die Strasse wieder zu beleben und um für Nicosia als Kulturhauptstadt zu werben. Üppig ist die Ausbeute nicht, kaum jemand ist hier zum Einkaufen.

Der einzige vollgefüllte Pop-Up Store ist cool. Leider auch menschenleer.
Der einzige vollgefüllte Pop-Up Store ist cool. Leider auch menschenleer.

Als ich später am Abend auf der Terrasse sitze und über die Stadt schaue sehe ich die erleuchtete Fahne am Berg gegenüber. Sie ist im Norden und wird jeden Tag beleuchtet. Darunter steht „Ich bin stolz, ein Türke zu sein“. Es ist eine traurige Provokation, der man nicht auskommt. Und trotzdem haben viele der Zyprioten hier selbst noch nie oder erst einmal einen Ausflug in den Norden gewagt. Zu tief scheinen die Wunden, zu kompliziert die Situation. Niemand weiß eine Lösung, aber das ist auch keine Lösung.

Nicosia bei Tag. Die Berge sind schon im Norden.
Nicosia bei Tag. Die Berge sind schon im Norden.
Und bei Nacht.
Und bei Nacht.

Am nächsten Morgen werde ich aufwachen und den Muezzin singen hören. Ich werde mich anziehen und auf die Strasse gehen, in ein Land in dem eigentlich kein Muezzin singt. In die Menschen mit ihren verschiedenen Kulturen zusammenleben, oder auch aneinander vorbei. Ich frage mich, ob der Muezin wohl weiß wie weit man seine Gesänge täglich hört?

Mir als Besucher bleibt auch nichts übrig als weiterzugehen. Oder wie es auf einer Zeitschrift im Hauptquatier der Pop-Up Stores steht: „Keep calm and carry on.“

 

 

 

 

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