Pinut: Am ältesten Klettersteig der Schweiz

Um zum Sonnenaufgang am Pinut, dem ältesten Klettersteig der Schweiz in Flims unterwegs zu sein, braucht es es eigentlich nur zwei Dinge: motivierte Mitstreiterinnen und eine imaginäre Tasse Kaffee.

4:00 früh

Frühstück gibt es im Hotel noch keines, dafür stehe ich in wenigen Minuten nachdem mein Wecker geklingelt hat, fertig ausgerüstet vor der Tür des rocks resorts. Christina und Lisa von Laax-Flims Tourismus, Sabi von berosagogreen und ich düsen los. Von Flims aus führt der Klettersteig auf den Flimserstein. Der Zustieg führt durch den Wald, jede Minute wird es heller. Als wir am Fels angekommen sind, ist die Stirnlampe hinfällig geworden.

Am Pinut

Den Anfang macht ein Steigbaum. Steigbäume sind nicht gerade meine besten Freunde, aber dieser hier scheint nur eine Abschreckmaßnahme zu sein für alle, die Höhenangst haben. Denn die sollte man besser zuhause lassen. Der Steig ist zwar nicht schwer zu gehen, aber dennoch sehr ausgesetzt. Unzählige Eisentreppen führen nach oben, es gilt in drei Etappe zwei Grasstufen zu überwinden. Dazwischen warten Felspartien.

Während die meisten Klettersteige ihren Ursprung im Ersten Weltkrieg haben, als Italien gegen Österreich-Ungar in einem bitteren Gebirgskrieg zog, hat der Pinut Klettersteig eine ganz andere Geschichte. Wer sie zum ersten Mal hört, während man gemütlich auf Leitern emporsteigt wird unweigerlich beeindruckt sein. Bereits vor 300 Jahren kraxelten hier die Flimser Bauern am Fels empor.

Über gut befestigte Treppen geht es schnell nach oben.
Über gut befestigte Treppen geht es schnell nach oben.
Die letzte der drei Etappen am Fels.
Die letzte der drei Etappen am Fels. Das Gras hier diente früher als Futter.

Die Bauern in der Steilwand

Damals natürlich ohne Sicherung und ohne Treppen. Die Eisenhaken wurden erst mit der Zeit viel später gesetzt. Was hatten die Bauern also hier verloren? Die Not trieb sie nach oben. Denn als es im Tal nicht mehr genug Futter für die Tiere gab, suchte man verzweifelt nach Wiesen, die man mähen konnte. Und da waren sie: direkt vor ihrer Nase am scheinbar senkrecht emporragenden Flimserstein.

Man kletterte also nach oben, hatte die Sense im Gepäck, mähte das Gras und lies es trocknen. Die Heubündel warf man nach unten und hatte so genügend Vorräte für den kommenden Winter. Ein hartes Leben.

1742 schrieb Nicolin Sererhard: „…Dieser seltsame Wiesenwachs rentiert in circa einer salvo honore Kuh Winterung – das Heu bindet man in Seiler und schmeisst es über den Felsen hinunder.“

Hart aber eher aufgrund der frühen Stunde ist auch unser Aufstieg. Die rosa Morgendämmerung und die langsam hervorkommende Sonne entschädigt für den frühen Wecker. Die frische Luft, die uns um die Nase zieht wirkt stärker als jeder Kaffee.

Der größte Bergsturz der Schweiz

Die steile Wand am Flimserstein selbst ist die Abbruchkante des Flimser Bergsturzes – des grössten alpinen Bergsturzes, der in der Schweiz je stattfand. Einzelne Brocken davon fand man sogar noch im Züricher Beckern. Da der Fels oberhalb Fidaz immer noch in Bewegung ist, werden die Felsbewegungen mittels fixer Messpunkte gemessen. Erst diesen Frühling mussten wieder einige Häuser evakuiert werden und tatsächlich kam eine Ladung Felsbrocken nach unten. Glücklichweise wurde niemand verletzt.

Die drei Stufen bringen wir schneller hinter uns als gedacht. Wobei wir aufgrund der Foto-Stops dann doch langsamer sind. Egal, denn es gibt einfach unzählige schöne Motive. Oben angekommen machen wir kurz Pause, essen einen Apfel und blicken auf den Crestasee, der gerade noch im Schatten liegt, hinab.

Oben angekommen.
Oben angekommen.
Weiter gehts über blühende Almwiesen.
Weiter gehts über blühende Almwiesen.
Zum Abstieg nach Bargis.
Zum Abstieg nach Bargis.

Auf alten Wegen

Aber nicht nur der Aufstieg sondern auch der Abstieg ist historisch spannend. Das Plateau wird im Sommer im Bereich bis etwa 2300 Meter über Meer als Alpbetrieb bewirtschaftet und die Kühe kommen auf dem gleichen Weg auf die Alm, den wir für den Abstieg ausgewählt haben. Von Bargis führt ein mit Steinen befestigter Weg nach oben – der Weg wurde 1645 erbaut. Diese Flimser, das Bergfex-Gen scheint ihnen seit Generationen angeboren zu sein.

Die Alp Bargis ansich ist mit einem Shuttlebus erreichbar, bzw. nimmt man diesen auch um den Abstieg nach Flims zu verkürzen. Oder aber man hat noch großes vor. Und das haben wir, denn die Alp Mora und ein Ort mit seltsamen Gletschermühlen ruft nach uns. Am Ende des Weges soll es eine belohnende Abkühlung geben…

Aber davon ein anderes Mal.

Die Kühe bei Bargis.
Die Kühe bei Bargis.
Alp Bargis ist ein ruhiger Ort mit vielen kleinen Hütten.
Alp Bargis ist ein ruhiger Ort mit vielen kleinen Hütten.

Pinut Klettersteig Überblick:

  • Schwierigkeitsgrad: A-B
  • Gehzeit: circa 30 Minuten Zustieg +  2 Stunden am Klettersteig + 1 Stunde Abstieg + Fotopausen
  • Ausrichtung: Süd
  • Besonderer Tipp: Zum Sonnenaufgang – oder bei Vollmond soll es für geübte Klettersteiggeher auch ein Genuss sein! Allerdings fällt dann der Shuttle von Bargis weg

 

PS: Pinn mich!

 

 

1 Comment

  • Während ich diesen super tollen Artikel lies, hatte ich das Gefühl, dass ich gleich meine Sachen einpacken soll und dann los geht’s! :) Danke für die schöne Bilder!

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