Großglockner: Einmal ganz oben

Es gibt Berge, auf die wollte ich nie steigen. Der Großglockner, der höchste Berg Österreichs, gehört dazu. Zu hoch, zu weit, zu überlaufen und vielleicht auch einfach zu schwer? Wäre da nicht vor vier Jahren der Großvenediger gewesen, der mir auch zu hoch und zu schwer vorgekommen ist. Und davor die Zugspitze über das Höllental, einen Weg den ich aus reiner Neugierde am Klettersteig gehen wollte. Dass am Weg ein Gletscher liegt, begriff ich erst nachdem alles organisiert war. Der Gletscher entpuppte sich als einfacher als gedacht und die Lust auf mehr bliebt bestehen. Und sollte man, wenn man den höchsten Berg Deutschlands bestiegen hat, sich nicht doch vielleicht auch den österreichischen Höhepunkt anschauen? Höher kann man in unserem Land immerhin nicht stehen. Ein faszinierender Gedanke.

Wenn ich weiter zurückdenke, denke ich an den Franz Josefs Gletscher in Neuseeland, meine erste Berührung mit Steigeisen und blankem Eis. Wieso hab ich mir das damals mit 15 Jahren nur zugetraut? Vielleicht weil ich davor mal mit den Pfadfindern wandern war, auf einem Gipfel übernachtet habe und das Element Schnee mir nach unzähligen Skiurlauben doch nicht ganz unbekannt war. Es muss ein sehr kleiner erster Schritt gewesen sein, der den Grundstein für diesen Wunsch gelegt hat. Ein etwas größerer, entschlossenerer war es am Morgen des 29. Juni 2018 um 7:00 Früh.

Noch ist der Großglockner weit entfernt. Werden wir an diesem Tag noch am Gipfel stehen?
Noch ist der Großglockner weit entfernt. Werden wir an diesem Tag noch am Gipfel stehen?

Auf zum Großglockner

10:00 Ankunft am Lucknerhaus.

Mit einer arbeitstechnischen Weinverkostung am Vorabend, ein etwas unglücklicher Start für mich. Den ersten Teil der Wanderung sind mein guter Freund Peter und ich mit einem Ranger aus dem Nationalpark Hohe Tauern unterwegs. Emanuel Egger ist Nationalpark Ranger mit Herz und Seele und hat im Rucksack nicht nur ein Swarovski OPTIK Fernglas dabei sondern auch ein Spektiv. Mit letzterem kann er uns ganz gezielt Dinge zeigen, ohne dass wir sie mit dem Fernglas erst selbst suchen müssen. Gleich am Parkplatz entdeckt er eine Herde Steinböcke mit Nachwuchs, der kaum zwei Wochen alt ist. Woher er das weiß? Vor zwei Wochen war er bei der großen Bestandsaufnahme-Zählung dabei, da waren die kleinen noch nicht auf der Welt. Ob er die Bergspitzen, die wir von hier aus sehen alle schon bestiegen hat, wollen wir wissen. Ja, die meisten schon. Übermorgen überlegt es selbst mal wieder auf den Großglockner zu steigen, allerdings über den Nordwest Grad.

Gletscherreise im Nationalpark Hohe Tauern

Wir ziehen los, passieren die Lucknerhütte und steigen immer weiter nach oben. Ab und zu pfeift ein Murmeltier, dann bleibt Emanuel stehen. Sind es mehrere Pfiffe, nähert sich der Feind am Boden, ist es nur einer, kommt er aus der Luft. Dann könnte es ein Bartgeier oder ein Adler zum Beispiel sein. Die beiden zählen zu den „Big Five“ der Alpen. Neben dem Murmeltier und den Steinböcken zählen hier auch noch die Gämsen dazu. Am häufigsten sehen wir die Murmeltiere, wie sie flink von einem Bau zum anderen laufen und sich immer und immer verstecken, sobald ich ihnen mit meiner Kamera zu nahe komme.

Mit dem Spektiv des Nationalpark Rangers lassen sich Tiere besonders gut beobachten.
Mit dem Spektiv des Nationalpark Rangers lassen sich Tiere besonders gut beobachten.
Steinböcke am Weg zum Großglockner.
Eine Kollonie am Weg zum Großglockner.

Es fängt an zu regnen. Auf fast 2.000m ist der Wind kalt und das Wetter recht ungemütlich für eine Pause. Emanuel packt trotzdem noch einmal das Spektiv aus, ein großer Steinbock steht in einer Geröllhalde und scheint dem Regen zu trotzen. Er rührt sich keinen Millimeter und hält den Kopf starr in den Regen, als wäre es die wärmende Sonne. Steinböcke brauchen die Kälte um zu Überleben. Wenn es ihnen im Sommer zu warm wird, ziehen sie weiter nach oben. Ich hingegen brauche nun dringend mehr Wärme und so steigen wir zur Stüdlhütte hinauf. Dem ersten Etappenziel.

Auf der Stüdlhütte

Die Stüdlhütte ist eine große Hütte, die Platz für Wanderer und Bergsteiger bietet. Die Stube ist zwar nicht sonderlich gemütlich aber groß und heißen Tee gibt es auch. Hier verlässt uns Emmanuel wieder, den zweiten Teil der Gletscherreise, die wir im Zuge der Großglocknerbesteigung machen, übernimmt Christian Riepler, unser Bergführer am nächsten Tag.

Am Abend drehen wir noch ein paar Runden um die Hütte, ich finde ein Foto-affines Murmeltier und wir erspähen einen gewaltigen Gletscherabbruch. Morgen soll es aufs Eis gehen, aber wohl nicht dorthin. Dort möchte ich wirklich niemals hin. Unglaublich steil fällt der Gletscher hier ins Teischnitztal ab und schon nur beim Zuschauen vermag man das Eis von hinten nach vorne nachschieben sehen.

Die Stüdlhütte am Weg zum Großglockner.
Die Stüdlhütte am Weg zum Großglockner.

Tag 2 Wo ich nie stehen wollte

Christian ist einer der legendären Bergführer aus Kals und für die nächsten zwei Tage unser Guide durchs ewige Eis und in luftige Höhen. Für den ersten Teil steigen wir zur Schere auf, legen die Steigeisen an und gehen auf den Gletscher. Unser Ziel sind Gletscherspalten. Und eine in der besonders viel Luft ist, die vorderste am Gletscherabbruch. Am Weg dorthin rumpelt es plötzlich laut und ein klirrendes Geräusch schallt zu uns empor. Irgendwo ist wohl ein Stück Eis abgebrochen. Unsicher schauen wir Christian an: „Das ist mir jetzt so auch noch nie passiert“ sagt er. Und lacht. Gemische Gefühle. Liegen wir dem berühmten Bergführerschmäh auf oder meint er es ernst? Er meint es tatsächlich ernst. Jetzt vergeht wiederum uns das Lachen.

Als erster geht Christian an die Kante. „Ein großes Stück liegt unten!“ meint er als er sich wieder nach hinten lehnt: „Wollt ihr mal schauen?“ Mein Bedürfnis selbst nachzusehen ist gering, am liebsten würde ich lieber schauen, ob der Gletscher hinten am Berg auch gut verankert ist, also hier an der Kante zu marschieren.

Aber wann wenn nicht jetzt? Also stapfe ich nach vorne, hoffe meine Steigeisen rutschen aus irgendeinem kuriosen Grund plötzlich weg und wage einen Blick über die Kante. Puh, da liegt tatsächlich viel zertrümmertes Eis im Abgrund. Rückzug.

Wer will schon gerne am Rand der Abbruchkante des Teischnitzkees stehen? Ich, offenbar.
Das erste Ziel am Abbruch des Gletschers vor Augen.
Die Abbruchkante von oben.
Die Abbruchkante von oben.
Nicht jeder Schritt stößt auf festen Untergrund.
Nicht jeder Schritt stößt auf festen Untergrund.
Bei der Gletscherreise haben wir den Gipfel gut im Blickfeld.
Bei der Gletscherreise haben wir den Gipfel gut im Blickfeld.

Von kleinen Schritten zu großen Spaltensprüngen

Weiter geht es über unzählige Spalten. Weil es in den letzten Tagen noch geschneit hat sind diese momentan schwer zu erkennen. Es geht also langsam voran. „Meistens bricht man nicht als Ganzes ein, sondern nur ein Fuß“ beschwichtigt Christian. Beim Überschreiten einer Schneebrücke steige ich exakt in seinen Schritt – und hänge plötzlich prompt im Nichts. Aber nur mit einem Bein, genauso wie Christian es vorhergesagt hat. Gar nicht so schlimm. Auch wenn mich recht viel Kraft kostet aus dem Loch nach oben zu klettern. Also weiter.

Das Computerspiel „Minecraft“ kommt mir in den Sinn, als ich Schritt für Schritt mich voran taste. Am Rückweg zum Felsen gehen wir nebeneinander versetzt, die Spalten verlaufen hier quer. Vorsichtig auftreten und dann durchsteigen, ausatmen, einatmen. Der harmlose und leicht romantische Ausdruck „Gletscherreise“ ist definitiv nicht abenteuerlich genug für das, was wir hier tun. Weil die Spalten alle zugeschneit sind, müssen wir den Programmpunkt „Abseilen in die Gletscherspalte“ heute leider ausfallen lassen. Ein wenig erleichtert mich diese Nachricht dann doch.

Zurück am Felsen gibt es eine kleine Pause. Die einzige, an die ich mich erinnern kann im Zuge des gesamten Tour. Denn jetzt wollen wir hoch zur Adlersruh. Die Erherzog Johann Hütte auf 3.500m ist die höchste Schutzhütte Österreichs. Hier wollen wir übernachten, um morgen den Gipfel zu besteigen. Aber zunächst müssen wir uns vom Grat abseilen, um zum Ködernitzkees zu gelangen. Dann werden wir den Gletscher queren, um dann am versicherten Fels zur Hütte zu klettern. Gesagt, getan:

Abseilen zum Gletscher.
Abseilen zum Gletscher ist mindestens so spannend wie zwischen Gletscherspalten zu spazieren.
Am Ködernitzkees ziehen die Seilschaften nach oben.
Am Ködernitzkees ziehen die Seilschaften nach oben.

Wir seilen uns also ab. Das heißt Christian seilt uns ab – solange das Seil reicht. Die letzten Meter müssen wir klettern, denn der Schnee fängt erst etwas weiter unten an. Christian nimmt mich ans „kurze Seil“ was psychisch enorm hilft beim Klettern über den brüchigen Schiefer. Kaum sind wir unten gehen wir wieder am Seil. Ich möchte mir gerade ein Balisto aus dem Rucksack holen, da heißt es Weitergehen: „Wir sind in einer No-Stop Zone Lea“. Ein halber Bissen Balisto muss also vorerst reichen.

Vor einer großen Gruppe steigen wir der bereits gut ausgetretenen Spur nach oben. Ich bin den großteil der Zeit damit beschäftigt einen Fuß vor den anderen zu setzen. Und dabei bloß nicht mir selbst auf die Fuße zu steigen, denn mit Steigeisen stolpert man sonst schnell. Am Felsrand geht es dann über Steine nach oben, über ein Schneefeld und wieder über Steine, ähnlich einem Klettersteig der direkt unter der Hütte endet. Geschafft, die Strecke bis hierher und ich im wahrsten Sinne des Wortes erst recht.

Auf der höchsten Hütte Österreichs

In der Hütte spielt gerade jemand mit dem Akkordion. Die Stimmung ist locker, die Kartoffelsuppe gerade frisch zubereitet und wenig später auf unseren Tellern. Christian bestellt eine Portion Spaghetti, die besten Hütten-Spaghetti weit und breit wie er meint. Er muss es wissen, immerhin ist er oftmals mehrmals die Woche hier im Sommer. Über 250 Mal war er schon am Großglockner, aber wer zählt das schon so genau? Sein nächster kulinarischer Tipp ist der Kuchen, dem ich auch nicht widerstehen kann.

Und dann? Dann ist der Tag immer noch jung. Jung genug für einen Gipfelanstieg.

Gipfelsturm

Plötzlich bin ich unendlich aufgeregt und nervös. Ich kann es mir selbst nicht erklären. Aber nun wird es ernst. Gemeinsam mit Telse, die gerade eine Hüttenpraktikum macht steigen wir zu viert am Seil zum Glockner Leitl auf. Der Wind bläst, die Wolken verdecken die Sicht. Nur ab und zu kann man mehr erkennen. Das was ich erkennen muss liegt ohnehin nur 1-2 Meter vor mir. Die Spur nach oben. Immer dem Seil nach.

Die Spur wird immer steiler, der Schnee ist am Nachmittag schon etwas matschig und rutscht. Trotzdem geht es gut voran. Auch wenn ich das Gefühl habe gerade zwei Tage in einem zu erleben, ohne geschlafen zu haben. Endlich erreichen wir die ersten Felsen.

Ab hier muss man ein wenig klettern. „Kraxeln“ trifft es besser. Ungewohnt mit Steigeisen an den Füßen, aber erstaunlich gut. An manchen Stufen im Fels sieht man richtiggehend die Abdrücke der Steigeisen. Ein wahrlich viel begangener Weg. Aber zu unserem Glück ist gerade wenig los. Am Gipfel des Kleinglockner machen wir ein erstes Foto, steigen hinab in die Scharte, die ganz leicht zu queren ist bei dem vielen Schnee und steigen die letzten Meter zum Gipfel auf.

Innerlich spüre ich: ich mag gar nicht ankommen. Und dann, dann stehen wir plötzlich oben.

Samstag, der 30. Juni 2018 um 14:27.

Der Weg hinauf ist der Weg hinab.
Der Weg hinauf ist der Weg hinab.

Jetzt geht alles schnell, denn es kalt und die nächste Gruppe kommt bereits den Stüdlgrat hinauf. Die Runde vor uns macht uns Platz für Gipfelfotos. Ich versuche es einen Moment so richtig zu genießen, es gelingt mir nicht so richtig. Ich bin viel zu aufgekratzt. Was mir hingegen unendlich leicht fällt, ist das Atmen. Ich fühle mich generell plötzlich ganz leicht. Viel leichter als gerade eben noch, zehn Meter unter dem Gipfel. Die Leichtigkeit ist erst beim Gipfelkreuz über mich hereingefallen und nun schwebe ich in ihrer Wolke. Lachen fällt mir auch leicht. Wir fallen uns in die Arme, gratulieren uns und halten mit der Kamera die Momente fest. Am liebsten würde ich die Leichtigkeit auch festhalten. Ein bisschen bleibt sie noch bei mir und macht tatsächlich mir den Abstieg einfacher.

Zurück auf der Adlersruh bin ich unendlich froh um diesen erlebnisreichen Tag. Das Bier schmeckt, die Osttiroler Schlitzkrapfen schmecken, die Kleider trocknen überm Kamin und der Hüttenwirt lacht. Beim Abendessen werden Geschichten und Erfahrungen ausgetauscht. Ich kann die etwas besorgte Dame gegenüber von mir beruhigen. Ich, die gerade eben erst oben war spreche nun aus Erfahrung.

Zumindest einer, meiner.

Abendstimmung von der Erherzog Johann Hütte aus.
Abendstimmung von der Erherzog Johann Hütte aus.
Gruppenfoto bevor es wieder zurück in die Normalität geht.
Erinnerungsfoto bevor es wieder zurück in die Normalität geht. Foto: Peter

Infos: Gletscherreise am Großglockner

Die Gletschreise wird am ersten Tag von einem Ranger des Nationalpark Hohe Tauern geleitet. Nach der Übernachtung auf der Stüdlhütte geht es mit einem Bergführer weiter – Abstieg am selben Tag. Wer noch auf den Großglockner weiter will muss die Tour vorab organisieren. Termine von Juli bis Anfang September.

Infos gibt es auf der Website des Nationalparks und der Website der Bergführer Kals  

Die nächsten Termin:

  • 08. – 09. August 2018
  • 22. – 23. August 2018
  • 05. – 06. September 2018

Infos: Normalanstieg auf den Großglockner

Vom Parkplatz am Lucknerhaus (Mautstraße ab Kals) geht es über die Lucknerhütte zur Stüdlhütte. Hier trifft man normalerweise seinen Bergführer für die Tour über das Ködernitzkees zur Erherzog Johann Hütte. Von hier geht es dann auf den Gipfel, eine Übernachtung auf einer der beiden Hütten sollte man einrechnen. Kondition, Trittsicherheit und gute Ausrüstung sind Voraussetzung. Helm, Steigeisen, Seil und Co stellt der Bergführer zur Verfügung. Weitere Infos gibt’s hier.

Wir waren mit Christian unterwegs, der als Bergführer ua darauf spezialisiert ist Fotografen und Filmteams in die Berge zu führen. Seine eigenen beeindruckenden Landschaftsfotos und Videos findet ihr hier: www.bergimbild.at

Osttirol Urlaub mit Großglockner Besteigung

Was ihr sonst noch rund um den Großglockner in Osttirol erleben könnt, findet ihr auf der Osttirol Website. Einige Empfehlungen gibt es auch in meinem Osttirol Guide (Erweiterung folgt) nachzulesen!

Alle Infos zum Nationalpark Hohe Tauern in Osttirol findet ihr auf nationalpark.osttirol.com.

 

 

Auf Einladung des Nationalparks Hohe Tauern und Osttirol Tourismus – vielen Dank für die Unterstützung! Fotos: Peter, Christian und Lea.

1 Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.