In den Tiefen der Fustugère Schlucht

Canyoning in der Ardèche in Südfrankreich

Christoph und ich haben Glück. Unser Guide Matthieu hat die Ruhe weg und freut sich auf einen Tag mit uns zwei. Normalerweise führt er Gruppen mit bis zu 10 Personen im Sommer durch die Schluchten der Ardèche Region in Rhone-Alpes. Heute will es der Zufall so, dass nur wir zwei mit ihm unterwegs sind und deswegen hat er eine besondere Schlucht für uns ausgewählt.

Und in der Mitte entspringt ein Fluss.
Und in der Mitte entspringt ein Fluss. Noch sieht alles recht harmlos und friedlich aus.

Eine Stunde dauert die Autofahrt von kleinen Büro in Les Vans bis zum Einstieg und ich versuche vorab ihm einige Infos zu entlocken. Es ist nicht meine erste Canyoning Tour und ich weiß, wie wichtig es ist einen guten Guide dabei zu haben. Ich frage Matthieu, wann er das letzte Mal in der Schlucht war und erhoffe mir heimlich eine Antwort wie „vorgestern“. Ganze fünf Jahre ist es nun doch bereits her, dass Matthieu in der Schlucht war. Ich schlucke erstmal. Begeistert erzählt er uns, dass wir heute wohl die einzigen dort sein werden und, dass dieser Canyon besonders schön sei.

Nun gut, dann also Abenteuer. Nichts mit Massenabfertigung, Warteschlangen, schreienden Kindern oder  – eines jeden Bloggers und Fotografens Dorn im Auge – andere Menschen in der Landschaft.

Wir parken das Auto am Ausstieg der Schlucht und packen drei große Rucksäcke mit Seilen, dicken 5mm Neoprenanzügen, Hüftgurten und zwei wasserfesten Dosen mit unserem Essen und Kameras. Jeder schultert einen davon und los geht es entlang des schmalen Wanderweges hinauf auf den Berg. Anfangs wandern wir noch an ein paar Häusern am Berg vorbei, die Menschen im Garten grüßen uns freundlich und wünschen uns einen schönen Tag. Bald haben wir die Baumgrenze erreicht und folgen einem schmalem Pfad bis zum Einstieg in die Schlucht und hinab zum Wasser.

Auf dem Wanderweg zum Einsteig des Canyonings.
Auf dem Wanderweg zum Einsteig des Canyonings.

Die Sonne scheint kräftig auf uns herab als wir uns 40 Minuten später am Flussufer in die Neoprenanzüge zwängen. Ein wenig Ekel vorm Neopren, ein wenig Aufregung und die ersten Gehversuche beim Abseilen. Und dann kann es eigentlich auch schon losgehen. Die ersten 20 Meter warten darauf von uns am Seil überwunden zu werden. Beide Karabiner hängen am Seil und mit ein wenig Überwindung schließlich auch ich. Matthieu hilft beim Umhängen auf der lange Seil, an dem ich mich nun selbst abseilen werde. Schritt für Schritt, es ist nicht schwierig, aber doch etwas respekteinflößend. Der Stein ist teilweise nass, ausrutschen will hier niemand.

Und los!
Und los!
Leichte Erschöpfung steht mir hier wohl ins Gesicht geschrieben.
Leichte Erschöpfung steht mir hier wohl ins Gesicht geschrieben.

Gleich das nächste Seilstück geht führt uns durch einen Wasserfall und endet in einem kleinen Becken, das mit eiskaltem, glasklarem Wasser gefüllt ist. Das kühle Nass ist erst erfrischend, aber sobald es durch die 5mm Schicht durchgedrungen ist unglaublich kalt an den Achsel und überall da, wo es leicht hineinkommt. Brr.

Matthieu montiert bei jedem Abgrund das Seil aufs Neue. Ausser den Karabinern ist hier nichts vorbereitet, wie bei vielen anderen beliebten und viel begangenen Canyoning Routen oft üblich. Nach drei abgeseilten Seillängen sind wir mehr als ready für unsere Mittagspause und suchen uns einen windgeschützten Platz auf einem Stein in der Sonne. Es gibt ein großes Baguette avec Thunfisch und Ei, einen Käsegang (Camenbert) und zum Nachtisch ein Stück Schokokuchen. Doch die Schlucht ist noch lang und die Sonne hat ihren Standort bereits auf die andere Seite der Schlucht gewechselt. Ohne sie ist es kalt, das merken wir bereits und auch der sonst so relaxte Matthieu wird nun ein wenig unruhig.

Im Grunde gibt es nur einen Weg. Bergab.
Im Grunde gibt es nur einen Weg. Bergab.

Es geht weiter. Sieben oder acht Längen sind es noch, da ist sich Matthieu auch nicht mehr ganz sicher. Aber immerhin sind wir inzwischen gut eingespielt. Und dennoch wartet bei jedem Abseilen eine andere kleine Überraschung auf uns. Ein kleiner Überhang, ein sprudelnder Wasserfall, eine glitschige Querung oder gar eine kleine Höhle am Ende des Seils. Ein wenig kommt es mir vor, wie ein Survival Training. Es gibt kein zurück, nur ein nach vorne, bzw. nach unten. Immer und immer wieder. Meine Fantasie ist von der einsamen Landschaft beflügelt (schaut niemals „A lonely place to die“ bevor ihr Klettern/Abseiling geht!) und es nicht nur das kalte Wasser, das mir eine Gänsehaut macht.

Also besser wieder den Kopf unter Wasser abkühlen und am Boden, bzw Felsen der Realität bleiben. Zum Schluss das Grande Finale mit dem längsten Abseilstück der Schlucht. Spektakulär geht es steil bergab in einen kleinen See, der hellgrün nach oben funkelt. Im Wasser liegt ein großer Felsen, ein Bruchstück des runden Felsens, der ca 15 Meter weiter oben in der engen Schlucht steckt. Der Felsen sei erst letztes Jahr hinunter gebrochen erzählt uns Matthieu. Ein guter Grund nach meiner Ankunft in der Schlucht schnell aus dem Schatten des freihängenden Felsens zu schwimmen…

Die letzten Meter im Canyon.
Die letzten Meter im Canyon.
Wer erkennt die Fische?
Wer findet die Fische?
Der Fels in der Schlucht. Beeindruckend.
Der Fels in der Schlucht. Beeindruckend.

Vollkommen erschöpft, aber glücklich kommen wir am Ende der Schlucht an. Langsam kehren nach der Konzentration und der Aufregung die anderen Sinne zurück. Es melden sich der Hunger, die Müdigkeit und die Muskeln. Was für ein Tag am Spielplatz der Natur! Der schönste auf meiner kurzen Rhone-Alpes Reise, wie ich finde. 

Offenlegung: Ich wurde von Rhône-Alpes Tourismus auf die Reise eingeladen. Meine Meinung bleibt, wie immer, meine eigene. Wer Lust hat die gleiche Tour zu gehen sollte Ceven Aventures in Les Vans kontaktieren, dort haben wir den Ausflug in den Canyon gemacht, normalerweise wird allerdings ein anderer Canyon angesteuert. 

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